Forschungsprojekt und Rettungsaktion: Die Wiederansiedlung des Europäischen Nerzes Mustela lutreola (L.,1761) in Deutschland

Research and Rescue Operation RRO - The European mink in Germany

Schröpfer, R. & Peters, E.


Der Europäische Nerz gilt seit Anfang des 20. Jahrhunderts in Mitteleuropa als verschollen. Die letzte Beobachtung stammt aus dem Jahr 1925 aus dem Aller-Tal, Nordwestdeutsche Tiefebene. Nach einer ausführlichen Diskussion der Gründe, die für den Rückgang verantwortlich gemacht werden können (Schröpfer & Paliocha 1989), wurde an der Universität Osnabrück der Entschluss gefasst, ein Forschungsprojekt zu starten, das die Erforschung der Biologie des Europäischen Nerzes und seine Rettung in situ und ex situ zum Ziele hat. Es soll durch diese Arbeiten ein Modell-Projekt entwickelt werden, an dem die Hauptkennzeichen von "conservation ethology", Schwerpunkt "Verhaltensstrategien zur Eroberung neuer Lebensräume", untersucht werden.
Begonnen werden konnte, als die Abteilung Ethologie in den Jahren 1997 und 1998 für den Aufbau einer Gründerpopulation 21 Nerze (8,13) vom Novosibirsker Zoo (Russland) erhielt. Zusammen mit dem Verein zur Erhaltung des Europäischen Nerzes - EuroNerz e.V. wurden seitdem 125 Nerze gezüchtet, so dass jetzt eine Gründerpopulation von 148 Tieren (64,84) als potentielle genetische Basis, sowohl für die Forschung als auch für die in situ- und ex situ-Rettung, zur Verfügung steht. Insgesamt wurden bisher 70 erfolgreiche Verpaarungen durchgeführt (Stand 5/2002).
In der Zucht des Europäischen Nerzes stellte sich nun allerdings heraus, dass ca. 80% der Rüden und 25% der Fähen nicht fortpflanzungsbereit sind. Nur 11 der 84 Rüden konnten bisher als erfolgreiche Deckrüden eingestuft werden. Die anderen Rüden zeigen, trotz physischer Paarungsbereitschaft, ein auffällig hyper-aggressives Verhalten gegenüber paarungsbereiten Fähen, wie Beißangriffe, fehlende Beschwichtigungslaute und dadurch ein Ausbleiben der Paarung. Die Fähen reagieren mit aggressivem Abwehrverhalten oder die Partner ignorieren sich vollständig.
Das hyper-aggressive Verhalten der Nerze während der Verpaarung in einer Erhaltungszucht hat seine Ursache möglicherweise in einer erhöhten Stress-Exposition während der frühen Ontogenese, verursacht durch eine zu hohe intraspezifische Dichte, der artifiziellen und begrenzten Auswahl der Sexualpartner und weiteren Haltungsbedingungen wie: Typ und Ausstattung der Gehege, Zeitpunkt der Trennung der Mutter von den Jungtieren, Zeitpunkt der Vereinzelung der Jungtiere und/oder Einfluss des Vaters. Auf das Freiland übertragen, könnte der Rückgang des Europäischen Nerzes somit auch auf seine verminderte Reproduktion infolge oben genannter Faktoren und damit auf eine verminderte Fitness der Restpopulation zurückgeführt werden. Diese basiert u.a. auf dem beschriebenen aggressiven Verhaltensmuster bei der Paarung. Es ist deshalb notwendig, diesen Fragen in Hinblick auf den Aufbau einer Gründerpopulation für eine Erhaltungszucht und eine Wiederansiedlung nachzugehen.
Zur Überprüfung der oben genannten Hypothesen werden im Rahmen unserer Grundlagenforschung Gehege-Experimente unter kontrollierten Bedingungen durchgeführt (Konfrontation mit Stressoren, Partnerwahl, Gruppenhaltung, Gehege-Enrichment). Dabei wird neben der Verhaltensbeobachtung, insbesondere während der Verpaarung und der Jungtieraufzucht, der Hormonstatus ermittelt.
Für die Wiederansiedlung wurde auf der Grundlage einer zönotischen Geländeuntersuchung ein Gebiet in der Nordwestdeutschen Tiefebene gewählt. Nach dem Heranwachsen in Trainingsgehegen und der Akklimatisation in Auswilderungsgehegen erhalten die Jungnerze, die in jedem Fall als Wurfgeschwister entlassen werden, die Gelegenheit, das neue Gebiet zu erkunden und sich anzusiedeln. Verschiedene Methoden werden eingesetzt, um den Ansiedlungserfolg zu überprüfen. Da im Gebiet außer dem Europäischem Nerz auch der Biber Castor fiber und die Sumpfmaus Microtus oeconomus ausgewildert wurden, wird ein Modell als Grundlage für ein Management wiederangesiedelter und eingebürgerter Populationen entwickelt.

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